Julien Saelens – vor 75 Jahren erschossen

Es ist der 7. April 1945, einige Tage vor der Befreiung…

Von der Arbeit zurückgekehrt, stehen die erschöpften und hungrigen Zwangsarbeiter von Lager E in langer Schlange vor der Essenausgabe an.  Überlebende berichten einstimmig, dass diese Situation stets sehr chaotisch war.  Alle hatten Hunger und wollten Ihre kärgliche Ration schnell haben.  Einer der Zwangsarbeiter in dieser Warteschlange ist der 24jährige Julien Saelens aus der belgischen Stadt Brügge.

Julien, am 20. August 1920 in Brügge geboren, war bekannt und beliebt unter seinen belgischen Kameraden.  Als gelernter Möbelmacher hatte er sich als junger Mann den Widerstand angeschlossen, wo er verraten, am 11. Mai 1944 festgenommen und nach Kahla deportiert wurde. 

Seine Sportlerlaufbahn begann er als Athlet 1936 im Sportverein Olympic Brügge. Bereits zwei Jahre später wurde er belgischer Meister im 100 und 200 m Lauf.  Seine Bestzeiten verbesserte er von nun an kontinuierlich bei jeden weiteren Wettbewerb.

Zum Tod von Julien Saelens wurde viel geschrieben und gesagt, wobei die Aussagen und Quellen oft im Widerspruch zueinanderstehen. In unserem Archiv befindet sich hierzu ein sehr wichtiges, einmaliges Dokument. Es ist der Augenzeugenbericht eines belgischen Kameraden von Julien Saelens, darin heißt es: „Nach Rückkehr ins Lager E standen wir alle am Wirtschaftsgebäude an um unsere Rübensuppe in Empfang zu nehmen. Die Austeilung erfolgte durch ein Küchenfenster. Dies dauerte oft lange und die ausgehungerten Kameraden waren unruhig und verdrängten sich gegenseitig, unter den Augen der genervten SS.  Julien war klar, dass dies noch Stunden dauern würde und entschloss sich die Küche durch einen anderen Eingang zu betreten, um seine Portion in Empfang zu nehmen. Dieser Eingang wurde jedoch von einem SS-Mann bewacht, der Saelens brutal zurückdrängte.  Julien stolperte, richtet sich wieder auf, mit dem Rücken zum Wachmann, und betitelt diesen mit „Smeerlap“ (Schweinehund).  Daraufhin zieht der Wachmann seine Waffe und schießt Saelens in den Rücken, die Kugel trifft die linke Niere und tritt vorn wieder aus. Auch ein in der Nähe stehender italienische Zwangsarbeiter wird so am Schenkel getroffen.  Dies spielte sich innerhalb von 30 Sekunden ab. Die Menschenmenge flieht panisch in alle Richtungen, da viele glauben es wird weiter geschossen.                                                                                                  

Sowohl Saelens wie auch der Italiener stürzen zu Boden, bekommen keine Hilfe vom Wachmann.  Zwei Kameraden von Saelens, Jacques Daems und Albert Lannoy, bringen ihn zum Krankenrevier, im Lager. Der dort praktizierende belgische Arzt kann leider nichts mehr für ihn tun. Julien Saelens verfügt noch über eine gute Gesundheit und kämpft um sein Leben.  „Mein Bauch, mein Bauch“ ruft er. Der Arzt ist machtlos und kann ihn nur noch ein Schmerzmittel verabreichen, dass ihn nicht hilft. Seine Kameraden fragen ihn was sie tun können, ob er etwas braucht… Er antwortet: „Nehmt meine Brieftasche, meine Uhr und bringt sie zu meiner Mutter!“. Albert Lannoy nimmt die Brieftasche, die Uhr sowie die Fotos der Verlobten von Julien Saelens an sich. Er verspricht den sterbenden Julien alles seiner Familie zu überbringen. Worauf Saelens ihn antwortet: „Sage zu Hause, dass sie mich ermordet haben. Es tut mir leid, dass das so kurz vor der Befreiung geschah. Sag ihnen, dass ich immer an sie gedacht habe und meine letzten Gedanken ihnen galten.“

Die Schmerzen kehren verstärkt zurück, er wird ohnmächtig und man bringt Julien ins Totenhaus. Inzwischen ist es abends 19.00 Uhr. Zehn Minuten später erwacht er nochmals und sagt: „Jetzt ist es vorbei, ich sterbe, auf Wiedersehen Freunde, lange lebe Belgien und danke…“.  Julien Saelens ist tot.  Um 20.00 Uhr wird sein Leichnam in eine Decke gehüllt und man bringt ihn auf ein kleines Feld in der Nähe, oberhalb des Lagers. Hier wird er in eine Holzkiste gelegt, seine Freunde schließen ihn Augen und Mund und legen ein Paternoster in seine Hände. Zweit Tage später wird er beerdigt, ohne Gottesdienst oder Abschied.

Die nach 1945 tätige belgische Militärmission, deren Aufgabe es war verstorbene belgische Landsleute aufzufinden, wird auch hier schnell fündig.  Bereits 1947 wird der kleine Friedhof, oberhalb von Lager E, erfasst.  Die Toten, die dort beerdigt wurden, werden exhumiert und nach Berlin-Heiligensee verlegt.  Am 26. November 1952 wird von der Stadt Brügge die Genehmigung erteilt, um Julien Saelens auf dem städtischen Friedhof zur letzten Ruhe zu betten. Anhand unserer Archivunterlagen wird er jedoch erst 1959 in Berlin exhumiert und nach Belgien überführt. Am 6. Februar 1960 wird er erneut exhumiert und im Ehrenhain der Stadt Brügge beerdigt.  Neben Julien Saelens verlegte man noch zwei weitere Belgier, Henri Callaert und Henri Van Caillie, die ebenfalls in Kahla verstarben.

Im August 1957 wurde in Brügge zu Ehren des begabten jungen Athleten, der viel zu früh verstarb, dass noch heute bestehende „Julien Saelens“ Stadion gebaut.

Am 8. Mai 1967 fand zum ersten Mal ein Gedenklauf für den ermordeten belgischen Athleten Julien Saelens statt. Dieser Gedenklauf wurde in den Folgejahren zu einem festen Bestandteil der jährlichen Gedenkfeierlichkeiten im Mai.  Auch Sportler aus Brügge nahmen daran teil.

Unser Verein steht in engem Kontakt mit der Familie von Julien Saelens.

Persönliche Worte des Neffen an seinen Onkel Julien Saelens, 2020

Julien, nonkel Julien,

Ik heb je niet gekend. Ik was nog geen drie jaar toen je vermoord werd.

Alles wat ik over je weet is ‚van horen zeggen‘.

Je familie was apetrots op jou. In Brugge noemde ze je „de zere loper“. Zovele herinneringen van je sportieve prestatie stonden op een ereplaats in je ouderlijke huis. Je mama, mijn meter, koesterde ze. Je papa is helaas heel vlug na jou overleden. Ook hem heb ik nooit gekend.

Wat ik nog van je weet is dat mijn papa Albert en jij elkaars beste vriendjes waren. Jullie waren de twee jongste van een gezin van zes. Jullie waren elkaars spelkameraadjes. Jouw dood heeft mijn papa diep getekend. Hij droeg altijd een foto van jou bij zich. Jij was en bleef zijn beste vriend.

Mijn papa heeft al die jaren uitgekeken om jou terug te zien. Zou het kunnen dat jullie twee, hierboven, weer beste vriendjes zijn?!

Als deze oorlog ooit voorbij is… Als alle oorlogen ooit voorbij zijn… Wij blijven dromen van vrede.

Chris Saelens, 78 jaar

Julien, Onkel Julien,

Ich habe dich nicht gekannt.  Ich war noch nicht einmal drei Jahre alt, als du ermordet wurdest.

Alles was ich von dir weiß, kommt von „Hören und sagen“.

Deine Familie war so stolz auf dich. In Brügge nannte man dich den „schnellen Läufer“.  Soviel Erinnerungsstücke deiner sportlichen Leistungen standen auf einem Ehrenplatz im Elternhaus. Deine Mutter, meine Patentante, achtete sie sehr. Dein Vater ist leider sehr schnell nach dir verstorben.  Auch ihn habe ich nie gekannt.

Was ich noch von dir weiß ist, dass mein Vater Albert und du beste Freunde waren.  Ihr wart die zwei Jüngsten in der Familie von sechs Kinder.  Ihr habt ständig zusammengespielt.  Dein Tod hat meinen Vater sehr mitgenommen.  Er trug immer ein Bild von dir bei sich.  Du warst und bliebst sein bester Freund.

Mein Vater hat all die Jahre gehofft, dich wieder zu sehen. Kann es sein, dass ihr zwei, im Himmel, wieder als beste Freunde vereint seid?

Wenn dieser Kriegt mal vorbei ist… Wenn alle Kriege mal vorbei sind… Wir träumen weiterhin von Frieden.

Chris Saelens, 78 Jahre